Das moderne Wissen um die Ornithologie ist von Jahrhundert zu Jahrhundert und von bedeutenden Männern und Frauen zu ihren Nachfolgern fortgeschrieben worden und dabei gewachsen. Jeder ernsthafte Vogelbeobachter, dessen derzeitiges Wissen wir den Generationen vor uns verdanken, sollte sich daher einmal mit dem meist sehr interessanten Leben solcher Wissenschaftler beschäftigen.

Der Arzt Oskar Heinroth ist so ein interessanter Forscher, der 1871 geboren und 74 Jahre alt wurde. Er entstammte einer Musiker- und Gelehrtenfamilie in der Nähe von Mainz. Schon sehr früh traten seine besonderen Anlagen zutage. Nach einer Pockenerkrankung im Säuglingsalter verblieben schwere Seheinschränkungen, so dass er diesem Umstand offenkundig sein geschultes Gehör verdankte. Seine ersten Gehversuche soll Heinroth im Hühnerstall gemacht haben, wo er mit drei oder vier Jahren die einzelnen Hennen an ihren Stimmen erkennen konnte. Die Vorschulzeit verbrachte er gerne - oft gegen den Willen der Eltern - mit der Beobachtung der Verhaltensweisen junger Enten und Gänse, was wohl in der Schule zu seinem Spitznamen "Entenheinrich" geführt hat.

Mit 19 Jahren wurde Heinroth von einem reichen Privatmann aufgefordert, dessen erste deutsche Südseereise als Zoologe zu begleiten. Mit einer Dampfjacht des freigebigen Gönners verließen sie Hamburg, um über Colombo, der heutigen heimlichen Hauptstadt Sri Lankas, über Batavia, dem heutigen Jakarta, sowie nach Deutsch-Neuguinea ( "Deutsche Südsee"-Kolonien ) und anschließend zur Insel St. Matthias des Bismarck-Archipels zu gelangen, das heute zu Papua-Neuguinea gehört.

Dort wurde die Expedition, die am Strand ihr Lager aufgeschlagen hatte, von Eingeborenen überfallen. Heinroth lag zu der Zeit mit einer schweren Malaria im Zelt und wurde am Bein durch einen Speer getroffen. Es gelang ihm dennoch, sich von dem schweren Wurfgeschoss zu befreien und seinen tödlich verwundeten Bootseigner und Mäzen in ein Boot zu retten, wo der jedoch bald danach verstarb.

Die betrübten Reste der Expedition flüchteten und trafen eine Woche später, im April 1901, in Matupi, einer der von verschiedenen europäischen Staaten kolonisierten Nachbarinseln, ein. Bereits im Oktober des gleichen Jahres gelangte Heinroth mit einer größeren Anzahl lebender Tiere wieder in Berlin an, wo er zunächst seine Lehrzeit am Zoologischen Garten fortsetzte.

Internationale Bedeutung erlangte er jedoch durch seine Forschung zu vergleichenden Verhalten in der Vogelwelt, darunter die Feststellung, dass "bestimmte Bewegungsweisen von Tieren gleichen Geschlechts und gleicher Art immmer mit den gleichen Gesten und Körperhaltungen ausgeführt werden". Er prägte für diese moderne Verhaltensbiologie den Begriff "Ethologie" und ist letztendlich der Begründer sowie der "Vater" der Tierpsychologie als Zweig der Biologie. Der Nobelpreisträger Konrad Lorenz hat sich zeitlebens als Schüler von Oskar Heinroth betrachtet. Beide Forscher haben uns anschaulich die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Forschungen und Beobachtungen hinterlassen - zum Beispiel wie das bemerkenswert-sonderbare Verhalten im Brutschrank erbrüteter Küken von Enten oder Gänsen zu erklären ist, wenn diese auf Menschen geprägte "Adoptivkinder" nicht ihre leiblichen Eltern Schutz suchend aufsuchen, sondern den Homo sapiens.

Oskar Heinroth war maßgeblich am Aufbau des Berliner Zoo-Aquariums beteiligt, dessen Direktor er dann 30 Jahre lang war. Um den Tieren einen optimalen Biotop zu gewährleisten, orderte er zur Einweihung des offenen Gewässers 350 Tonnen Seewasser, die mit Elbkähnen in den Berliner Landwehrkanal gebracht und über eine Leitung der Feuerwehr einen Kilometer weit in die Becken gepumpt wurden .............

Foto ( Dirk Schümann, Pönitz ) : Erpel der Mandarinente - bevorzugt beobachtete Entenart durch Heinroth

Holger Jürgensen