Polizisten aus dem britischen Cambridge machten vermeintlich menschliche Nesträuber in einem Feuchtgebiet mit hohem Schilfanteil aus und stellten diese zur Rede. Dabei stellte sich heraus, dass es sich um Mitarbeiter der Universität der gleichen Stadt handelte, die keine Eier der Teichrohrsänger stahlen, sondern diesen Vögeln Eiattrappen in ihre Nester plazierten - zur wissenschaftlichen Überprüfung der Annahmebereitschaft des Wirtsvogels von Kuckuckseiern.

Weibchen des Kuckucks "belauern" aus ihrem Versteck heraus das tägliche Brutgeschäft verschiedener Kleinvögel in ihrem Revier, um eines ihrer zehn bis maximal zwanzig Eier der Saison in deren Nester zu legen. Wir kennen mehr oder weniger zwanzig Insekten fressende Vogelarten, die von dem Brutparasitismus des Kuckucks betroffen werden können. Was sind nun aber die Hintergründe für das im Grunde seltsame und zumindest bei uns einzigartige Verhalten des Kuckucks ? Ist es mangelnde "Elternliebe" oder gar ein sehr großer Magen, der eine Brut unmöglich macht - wie Wissenschaftler vor 200 Jahren vermuteten ?

Alles entscheidend für das Gelingen des erfolreichen "Betruges" ist, dass der genarrte Wirtsvogel das Kuckucksei in Eigröße und -färbung akzeptiert. Nach genauer Überwachung des Geländes und seiner Singvogelwelt muss das Kuckucksweibchen zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sein, ein Ei aus dem Nest seines auserkorenen Wirtsvogels stehlen und innerhalb von nur acht Sekunden das eigene hineinlegen. Sein Ei ist im Vergleich zu seiner Körpergröße vergleichsweise klein, was in der Regel ganz gut zu dem eines Teichrohrsängers oder einer Heckenbraunelle passt. Das gestohlene Ei wird vom Kuckucksweibchen aufgefressen und dient damit der Eiweißversorgung seiner geschilderten hohen Eiproduktion.

Die Wirtsvögel des Kuckucks haben durchaus einen kritischen Blick für ihre eigenen Eier; schon kleinste Veränderungen der normalen Farbvariation, der Sprenkelung der Eischale sowie ihrer Größe erweckt oft ihr Misstrauen, so dass sie diese aus dem Nest entfernen. Die Ornithologen aus Cambridge meinen festgestellt zu haben, dass zum Beispiel ein Teichrohrsänger jedes fünfte Kuckucksei als nicht das eigene erkennt; entsprechend hat sich der Brutschmarotzer im Verlaufe der Evolution darauf eingestellt und hält "dagegen". Da sich die Eier der Wirtsvögel normalerweise äußerlich sehr unterscheiden, haben sich dementsprechende Kuckucksrassen entwickelt, die ihre entsprechenden Anpassungen in der Eifarbproduktion offenbar in weiblicher Linie weitergeben - der englisch Ornithologe Davies nennt eine Ausnahme : Heckenbraunellen akzeptieren auch ein braun gesprenkeltes und deutlich zu großes Kuckucksei zwischen ihren einfarbig hellblauen Eiern; sie sind sozusagen die "Vollidioten unter den Kuckuckswirten".

Biologisch könnte diese Vogelart eine relativ neue Ergänzung im Katalog der Kuckuckswirte sein, während Rohrammer und Buchfink am Ende des Spektrums zu stehen scheinen, da ihre Nester - soweit man weiß - nie vom Kuckucksweibchen Besuch erhielten - so warfen sie die besten Eiattrappen, die ihnen die Forscher untergeschoben hatten, umgehend über Bord. Die Anpassung an eine erfolgreiche Bebrütung und letztendliche Aufzucht des gegenüber dem Wirtsvogel überdimensialen "Riesenbabys" setzt sich fort, indem sowohl seine Rachenfärbung - als Anreiz zur Fütterung durch die Stiefeltern - als auch die Bettelrufe auf den Typ Wirtsvogel abgestimmt sind - Evolution in höchster Vollkommenheit.

Foto ( Autor ) : Beispiele im Vergleich von Eiern des Kuckuck ( 1 a bis 7 a ) mit seinen Wirtsvögeln - 1 b Drosselrohrsänger, 2 b und 3 b Wiesenpeiper, 4 b Gartengrasmücke, 5 b Gartenrotschwanz, 6 b Heckenbraunelle, 7 b Teichrohrsänger - weitere sind außereuropäische Kuckucksvogelarten

Holger Jürgensen