Vogelkunde - Die Zugunruhe gekäfigter Kleinvögel

Vogelkunde - Die Zugunruhe gekäfigter Kleinvögel

Bei gekäfigten Vogelarten, die in der Natur zu den Zugvögeln zu zählen wären, ist seit Jahrhunderten bekannt, dass diese während ihrer normalen Zugzeiten in eine sogenannte Zugunruhe verfallen – die Tiere hüpfen und flattern umher oder sie schlagen im Sitzen mit ihren hoch erhobenen Flügeln – sie „schwirren“. Diese Zugunruhe ist besonders auffällig bei Vogelarten, die ausschließlich nachts ziehen. Während Angehörige dieser großen Vogelgruppe außerhalb der Zugzeit normalerweise nachts ruhen, sind sie zu den Zugzeiten nachts aktiv – mitunter durch die ganze Nacht hindurch.

Man hat diese Unruhe als Ausdruck des Zugtriebes gedeutet, und der große Ornithologe Dr. h.c. Johann Friedrich Naumann ( 1780 – 1857 ) hat wohl als erster vermutet, dass die Dauer dieser Zugunruhe Auskunft über die Länge der Zugperiode und dadurch wieder über die Länge der Wanderstrecke geben könnte. Er verfolgte die Zugunruhe beim Pirol und beim Trauerschnäpper, die er in seiner Studierstube hielt, und schloss aus deren langen Dauer, dass diese beiden Arten „ sehr weit, vermutlich bis nach Afrika“ ziehen.

Die Zugunruhe der nachtziehenden Vogelarten lässt sich in einer interessanten Untersuchung erfassen, und zwar in sogenannten Registrierkäfigen. Die gebräuchliche Methode beruht auf der Verwendung beweglicher Sitzstangen, die auf Mikroschaltern gelagert sind. Springt oder fliegt ein Versuchsvogel auf eine solche Stange, drückt er sie durch sein Gewicht nach unten, wobei die Schalter betätigt werden. Diese sind an einen Stromkreis angeschlossen, so dass jeder Ansprung auf eine bewegliche Stange einen Impuls an ein Registriergerät auslöst. Auf diese Weise lässt sich die Verteilung der Zugunruhe während ganzer Zugperioden ermitteln. Für einzelne Vögel oder Versuchsgruppen können Zugunruhemuster aufgezeichnet und mit den Zugmustern freilebender, tatsächlich ziehender Artgenossen verglichen werden.

Die Ergebnisse so untersuchter 100 Vogelarten zeigten ganz klar, dass die Zugunruhe regelmäßig Ausdruck des Zuggeschehens freilebender Artgenossen ist und Auskunft über den Ablauf des Zugs in der freien Natur gibt.

Der geschilderte Registrierkäfig ist inzwischen modifiziert worden. Statt Mikroschalter werden Photozellen, Ultraschall und Luftdruckschalter verwendet. Videoaufnahmen nächtlich ziehender Vögel – besonders bei den Grasmückenarten – bei Infrarotlichtbeleuchtung, die für die Versuchsvögel unsichtbar ist, haben ergeben, dass die Zugunruhe fast ausschließlich aus dem oben beschriebenen Schwirren besteht, also aus Flügelschlagen und Schwirrflug im Sitzen. Die Krone der Erkenntnis erscheint dem Schreiberling darin : Wenn der Vogel in der Natur „in Gibraltar halblinks nach Afrika fliegen muss“, ändert er auch die Richtung seiner Schwirrhaltung im Käfig.

Man kann demnach die Zugunruhe als eine Art „Ziehen im Sitzen“ bezeichnen. Kritisch ist zu diesen wissenschaftlichen Untersuchungen zu bemerken, dass Untersuchungen zur Zugunruhe gekäfigter Vögel auch Stress für die Probanden bedeuten kann / bedeutet. Man kann als ethisch Empfindender nur hoffen und erwarten, dass die Grenzen für wissenschaftliche Experimente dieser Art „gesittet“ ablaufen.

Foto : ( Christian Garleff, Hamburg ) : Männlicher Bergfink im Schlichtkleid – auf dem Durchzug aus Skandinavien an einer „Tankstelle“

Holger Jürgensen

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